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Mitglied im Deutschen Olympischen Sportbund e.V.

Rede anläßlich der Ernennung zum

Botschafter des Deutschen

Betriebssportes am 02. Juni 2012 in

Essen

(PDF-Download der Rede am Schluss zum downloaden)        

Antrittsrede von Herrn Freiherr von Richthofen am 02. Juni 2012

Anrede und Begrüßung der Ehrengäste.

Meine guten Wünsche zu Ihrem Verbandstag hier in Essen.

Bei meinen Recherchen zu meiner Rede stellte ich fest, dass Sie sich auch in fortschreitendem Alter befinden.

1954 wurde die Interessengemeinschaft der Betriebssportgemeinschaften und –verbände der Bundesrepublik einschließlich West-Berlins aus der Taufe gehoben. Ich hatte große Freude, beim 50. Jubiläum als Präsident des Deutschen Sportbundes Ihnen meine Aufwartung zu machen.

Wenn ich richtig recherchiert habe, gehen die Ursprünge des Betriebssports bis in das 19. Jahrhundert zurück, hingen mit der damals beginnenden Industrialisierung Deutschlands zusammen. Der Betriebssport war zu dieser Zeit eng mit dem Arbeitersport verbunden, als Pendant zur patriotisch eingestellten bürgerlichen Turnbewegung. Wesentlich später organisierten dann große Unternehmen wohlüberlegt einen Werkssport, der teilweise sogar zur Pflicht gemacht wurde, mit dem Hintergedanken, eine Abnahme von Unfällen und Erkrankungen herbeizuführen.

Auch die Motivation am Arbeitsplatz galt es zu fördern.

Es waren und sind zum Teil Namen bedeutender Firmen-Vereine, wie zum Beispiel Bayer, Siemens, Opel, aber auch die Post und die Polizei.

Bereits 1929 gab es einen Reichsverband deutscher Firmensportverbände, den die Nationalsozialisten auflösten.

Nach dem 2. Weltkrieg wurden die Aufgaben und Inhalte neu formuliert und – wie ich es miterleben durfte – immer wieder den Veränderungen und Gegebenheiten des Arbeitsmarktes angepasst. Der Betriebssport heute soll allen Mitarbeitern sowie Rentnern und Pensionären von Firmen, Banken und Behörden sowie deren Angehörigen und Freunden offen stehen. Heute steht in Ihrem nicht mehr wegzudenkenden Verband der Breiten-, Freizeit- und besonders der Gesundheits- und Ausgleichssport im Mittelpunkt. 

Das Angebot wurde in den Jahren immer umfangreicher und vielschichtiger, ich denke an die Aufnahme von Trendsportarten. Ich denke, wenn ich richtig informiert bin, an Sportarten wie Aerobic und Yoga. Natürlich steht auch in Ihrer Organisation der Fußball, aber auch Tennis, Gymnastik, Tischtennis, Kegeln und Bowling im Mittelpunkt der Förderung. Und was ist das Geheimnis des Betriebssportverbandes? Es spielt der Firmenchef neben seinem Azubi und natürlich der Pförtner gemeinsam in einer Mannschaft.

Ständig diskutiert wurde der Wettkampfcharakter in Ihren Organisationen. Es würde dem Sport widersprechen, wenn man sich dem Kräftemessen mit anderen widersetzen würde. Und so wurden die Betriebssportmeisterschaften eingeführt. Man ging noch einen Schritt weiter und installierte Europäische Betriebssportspiele. Mich freut natürlich, dass man als starke regionale Mittelpunkte Westdeutschland, Hamburg und Berlin nennen kann. Die Veränderungen in den neuen Bundesländern halten an. Das Interesse war zunächst nicht besonders ausgeprägt.

Ihre Betriebssportgemeinschaften sind für mich Solidargemeinschaften. Sie sind mehr als Dienstleistungs-Organisationen. Ich widerspreche auch der These, dass das Freiwilligen-Engagement rückläufig ist und sich eine Krise des Ehrenamtes bzeichnet. Dennoch verdienen alle ehrenamtlichen Mitarbeiter unseren höchsten Respekt und der Hinweis ist schon angebracht, dass junge Ehrenamtliche sich nicht mehr so lange an Vorstands- und Betreuungspositionen binden lassen. Niemand wird erwarten, dass ständig alle Mitglieder bereit stehen, um sich für die Gemeinschaft einzusetzen. Freiwilliges Engagement stellt immer ein knappes Gut dar, um das auch in den Betriebssportgemeinschaften geworben werden muss. Die Anziehungskraft der Betriebssportgemeinschaften liegt nicht zuletzt darin, dass man sich in ihnen engagieren, spürbar etwas  bewegen und damit ein Stück seiner konkreten Lebenswelt mitgestalten kann.

Natürlich hat auch der Betriebssportverband seine Sorgen.

Das Interesse einiger Firmen an der finanziellen Unterstützung von Betriebssport- aktivitäten lässt bedauerlicher-weise nach. Hier sparen die Firmen am falschen Ende.

Ich halte die Politik mancher Firmen für kurzsichtig. Dennoch befindet sich Ihr Verband nach meiner Auffassung in einer beachtenswert guten Situation. Sie sind von der erregten öffentlichen Doping-Debatte weitgehend verschont. Sie haben erfreulicher -weise keinen negativen Beitrag zu diesem Thema geleistet. Sie haben nichts zu verschleiern gehabt. Sie haben Ihre Athleten nicht in Freiburg betreuen lassen.

Sie sind fernab von den jüngst in Thüringen aufgetretenen Schweinereien um bestrahltes Blut. Sie achten erfreulicherweise auf übertriebene Belastungen der Aktiven. Natürlich müssen Sie auch auf ein Umfeld achten, das offen mit psychischen Problemen umgeht, um sie vor dem Burn-out  zu bewahren. Natürlich haben Sie sich auch mit den Problemen zu beschäftigen, wie geht es einem Sportler, der seit langem verletzt ist oder mit einem Sportler, der ständig Misserfolg hat. Aber Sie sind eigentlich fern von dem hohen Risiko für ein Burn-out durch zu hohen Trainingsumfang.

Sie haben sich auch, wenn ich es richtig verstanden habe, nicht um Sommerjugend -spiele gerissen. Ich gehöre zu den Vertretern, die erhebliche Bedenken bei der Ausrichtung dieser Jugendspiele haben. Die Jugendlichen befinden sich bei den Spielen in einer empfindlichen Wachstumsphase.

Sie sollten in dieser Phase nicht übertrainieren. Sie sollten frei von kommerziellen und staatlichen Zwängen an den Start gehen dürfen.

Viele unserer internationalen Gegner im Jugendbereich stammen aus Ländern, in denen sich wirklich niemand Gedanken um den Schutz der Jugend macht und auch die aufgeklärten Verbände stecken in einem dauerhaften Existenzkampf:

nämlich die Fähigkeit, Medaillen zu holen. Sie haben sich aus gutem Grunde in diese Diskussion und Problematik nicht eingebracht. Ob nun ausgerechnet das IOC gut beraten ist, einen neuen Sponsorenvertrag mit McDonald’s abzuschließen, ist für mich nicht nachvollziehbar. Sie haben sich im Schnitt auch nicht mit Gewaltexzessen zu beschäftigen. Wo sind wir hingekommen!?

Kinder erleiden Ohrenverletzungen durch Knallkörper, 17Jährige erleiden ein Knall- trauma durch Böllerwurf.

Böller explodierten vor kurzem neben einem TV-Team mit 3 Verletzten. Sie sollten sportpolitisch Position beziehen,  Sie aber sind von diesen Auswüchsen verschont. Aber Sie beziehen durchaus Position!  Der Sport ist – ob in der kleinsten Betriebs-sportgruppe oder im großen Zusammenschluss in der Kreisliga oder bei den Olympischen Spielen –

immer mit Politik verknüpft. Das darf man nicht trennen, damit muss man sich auseinandersetzen, denn es wäre mit den hehren Werten des Sports nicht vereinbar, wenn jemand nicht zugeben würde, was offensichtlich ist. Viele internationale Sportfeste, das ausgelassene, spielerische Treiben der schönsten und stärksten Jugend und der Erwachsenen kollidierte leider immer wieder mit den Interessen einiger Gastgeber, die im wirklichen Leben als Diktatoren agieren. In solchen Fällen soll Sport mit Politik dann nichts gemein haben?

In einem jüngst erschienenen Interview mit einem bedeutenden Journalisten des Deutschland Radios, Herbert Fischer-Solms, sagte dieser: „Nein, der Sport repräsentiert die Gesellschaft nicht mehr. Und es stimmt, dass der Spitzensport keine Lebensorientierung mehr gibt, nachdem er zum Fernsehereignis wurde und Sportler zu Werbeträgern und künstlichen Figuren hochstilisiert werden.“ Sie müssen und haben in dieser Zeit große

Chancen, auch eine intellektuelle Auseinandersetzung zu Grundpositionen des Sports zu suchen. Sie sind von den Auswüchsen, wie ich sie schilderte, weitgehend nicht betroffen. Sie praktizieren einen Sport ungekünstelt zur Freude Ihrer Mitglieder in Verbindung mit unentbehrlichen wirtschaftlichen Einrichtungen. Also haben Sie für mich eine große Zukunft.

Und wie sehe ich die Zukunft des Betriebssports in unserem Lande? Der organisierte Sport hat heute ein sportliches Spektrum zu vertreten, das den Wünschen möglichst vieler Menschen entspricht. Es muss versucht werden, Gegensätze, Vorstellungen und Erwartungen in Einklang zu bringen. Auch der Betriebssport darf seine künftige Entwicklung nicht einfach der Eigendynamik überlassen, sondern muss sie, soweit es geht, selbst gestalten. Sie müssen den Spagat zwischen Spiel und Inlineskating aushalten, um möglichst vielen Menschen Gemeinschaft zu ermöglichen. Sie haben die Möglichkeit, den Sport nicht den Regeln des Marktes oder der Unterhaltungs- industrie unterzuordnen. Die Werte Ihrer Gründer sollten Sie auch nicht als altmodisch abtun. Der Betriebssport braucht Selbstvertrauen und Zuversicht in neue Ideen und angepasste Strukturen. Persönlichkeiten mit dem Blick  nach vorn sind gefragt, nicht Zauderer. Es gilt, moderne Strömungen aufzunehmen und umzusetzen, sie aber

an den eigenen, gewachsenen Prinzipien auszurichten.

Der Betriebssport darf auch kein Warenhaus werden und muss nicht jeden modernen Tendenzen nacheifern, die entweder von Amerika oder von tüchtigen Werbeagentu -ren ihm aufgeschwatzt werden.

Das freiwillige Engagement von Mitgliedern ist das Basiselement des Betriebssports. Die Parole muss lauten, sich für die gemeinsame Sache freiwillig zu engagieren. Ihre  Mitglieder sollen und müssen mitgestalten.

Lassen Sie sich von den Klageliedern, es gäbe nicht genug ehrenamtliche Mitarbeiter, nicht ins Bockshorn jagen.

Die Klage von der fehlenden Bereitschaft, im Ehrenamt mitzutun, ist so alt wie der Deutsche Sportbund bestand. Dennoch gibt es weiterhin Jugendliche und jüngere

Mitglieder, die zeitlich begrenzt bereit sind, Ehrenämter zu übernehmen. Entscheidend für das Engagement in Ihren Organisationen ist die enge Einbindung in die Betriebs -sportgruppen. Je mehr es gelingt, Mitglieder der Betriebssportgruppen über die Sportangebote oder Geselligkeiten zu binden, desto wahrscheinlicher ist es, dass die Mitglieder sich auch freiwillig für ihre Gruppe engagieren. Es muss eine weitgehende Übereinstimmung zwischen den individuellen Zielen der Mitglieder und den Zielen ihrer Sportgruppen bestehen, damit das Mitglied eine emotionale Bindung an die Betriebssportgruppe entwickelt.

Ich sehe eine gute Zukunft Ihrer Organisation, wenn man in einer groß angelegten Kampagne auch namhafte Betriebe als ständige Förderer und Partner weiterhin gewinnt.

Diese Firmen sollten erkennen, welche Kraft im Betriebssport vorhanden ist, die letzthin den Firmen nutzen kann.

Sie sind eingebunden in die große Sportgemeinschaft des DOSB, der größten Personenvereinigung in Deutschland.

Während andere traditionelle Organisationen wie Parteien, Gewerkschaften, Wohlfahrts- und Jugendverbände  Mitgliederstagnationen zu verzeichnen haben, hält sich der Sport mit seinen Verbands- und Vereinsgebilden erstaunlich gut. Ich sehe den Betriebssport mit seinen Gruppierungen als einen Gestaltungsraum, in dem man freiwilliges Engagement  entfalten kann. Wir wissen, dass

der Betriebssport nur überlebensfähig ist, wenn es Ihnen gelingt, weiterhin Mitglieder zur freiwilligen Mitarbeit zu gewinnen. Sei es in Ämtern oder sei es für regelmäßiges Mithelfen und Zupacken in Ihren Sportgruppen.

Zusammenfassend kann man sagen: Im glücklich vereinigten Deutschland hat der Betriebssport-Verband auch weiterhin seine unverrückbaren Aufgaben in dieser Gesellschaft. Der Sport lebt von seiner freiwilligen Leistung.

In ihr liegt sein Beitrag für das Wohl der Gesellschaft. Verliert er seine Handlungs -freiheit durch regulierende Maßnahmen des Staates, vermindern sich die freiwilligen

Leistungen seiner Helfer. Victor Hugo, der große Schriftsteller und Philosoph sagte: „Die Zukunft hat viele Namen. Für die Schwachen ist sie das Unerreichbare, für die Furchtsamen ist sie das Unbekannte, für die Tapferen ist sie die Chance.“

Also ist für Sie die Zukunft eine Chance!

Rede von Herrn von Richthofen bei Ernennung zum Botschafter

Download


 Rede_Herr_von_Richthofen_in_Essen_2012.pdf
Brief von Dr.Thomas Bach zum Abschied als DOSB-Präsident
 Abschiedsbrief Thomas Bach.pdf

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